Dienstag, 31. März 2020

16.März: Angst vor dem Vergessen

Vor fast fünf Wochen ist er gegangen, hat mich alleine gelassen. Das ist keine Zeit, und ich habe jetzt schon keine Lust mehr auf das Traurigsein, das Durchhängen, immer wieder neue Tanzschritte lernen zu müssen. Alles, jeden einzelnen Tag nach seinem Suizid zum ersten Mal alleine erleben zu müssen.
Ich möchte eine Pause.

Und gleichzeitig habe ich Angst zu vergessen. Davor, das Gefühl meiner, unserer Liebe zu verlieren. Als wäre unsere Liebe weniger wert, wenn ich nicht mehr traurig bin. Und traurig bin ich, wenn ich meine Liebe fühle und den Verlust, das Fehlen meines Spiegels, dem zweiten Teil meines Herzens. Vielleicht klammer ich mich deshalb an so viele Kleinigkeiten.

Und doch kommt mir ein leiser Gedanke, eine vorsichtige Ahnung. Muss ich eventuell erst vergessen, um Platz zu machen für den schönen Teil, Erinnerungen an unsere Liebe

11 März: Tausend Abschiede

Vielleicht war ich naiv zu glauben, mit der Trauerfeier und der kommenden Beisetzung könnte ich mich verabschieden, diese Rahmen nutzen für das große, allumfassende Tschüß.
Jetzt merke ich, daß meine Rechnung nicht aufgeht. Ich verabschiede mich dauernd, im Kleinen, immer wieder. Gerade habe ich mein neues Handy eingerichtet und alle Bilder, Musik usw auf den Computer geholt und nicht wieder auf das neue Telefon übertragen. Abschied. Ein Lebensabschnitt ist zu Ende. Und in so vielen kleinen Dingen wohnt ein Abschied. Von Gewohnheiten, die den Liebsten einschlossen, von der Gemeinsamkeit beim Spielen, das mach ich jetzt alleine.
Etwas neues kann daraus entstehen, aber ich bin ganz ehrlich, so viel neues und Veränderung machen mir Angst.
Und von der kann ich mich (noch) nicht verabschieden

Montag, 30. März 2020

10. März Vielleicht

Vielleicht sagt die Trauer auch, komm in meine Arme, und dann sieht sie gar nicht mehr so bedrohlich aus. Sie wird Teil meines Lebens sein und womöglich auch bleiben, aber ich hätte sie lieber als Freundin denn als Schreckgespenst. Das dauert wohl noch etwas, da brauche ich Zeit für. Zu erschreckend und überwältigend sind diese vielen Gefühle und Gedanken.
Soweit habe ich verstanden: Anklopfen ist nicht so ihr Ding. Sie fällt eher mit der Tür ins Haus.
Ich glaube, ich habe mich ganz gut gemacht heute. War gerade zu mutig. Nach dem wunderschönen Spaziergang im Friedwald mit seiner Mutter bin ich zum Haus gefahren, nach Hause. Und ohne Zögern rein. Ich habe ein Räucherstäbchen angemacht und mich in Ruhe umgesehen. Es war schön, mein Zuhause. Er war nicht mehr da, wenn man es esoterisch betrachten möchte, ich konnte nichts fühlen außer seiner Liebe zum Haus und zu mir. Vielleicht war es ein Zufall, oder ein Geschenk des Universums, wer weiß das schon?
Jedenfalls bin ich gut erschöpft nach der ganzen Fahrerei und der emotionalen Habachtstellung.

10. März: Tanz der Trauer

Tanz der Trauer

Manchmal wünsche ich, ich könnte das in den dunkelsten Zeiten so sehen. Die Trauer, die mit mir tanzen möchte, hin und her wiegen, drehen bis mir schwindelig ist, mal langsam, mal atemberaubend schnell. Dann würde ich mir vielleicht ein schönes Kleid anziehen, mich in ihre Arme begeben und mich ihr anvertrauen.
Vertrauen. Ein großes Wort, und ein Gefühl, welches durch seinen Suizid so grundlegend erschüttert ist.
Ich wünschte, in den dunkelsten Zeiten könnte ich vertrauen. Daß es wieder besser wird, daß es wieder Tage geben wird, an denen ich so etwas wie einen Lichtfunken sehen kann, eine Ahnung von einer glücklichen Zukunft. Anders, denn die Trauer wird wohl eine Zeit lang mit mir tanzen wollen, aber glücklich. Ich könnte dann Tanz und Tempo bestimmen.
Die letzten drei Tage waren schwer, unendlich schwer auf allen Ebenen. Sitzen und Atmen, mehr ging nicht, zu erschöpft war ich von dem Herumwirbeln. Vom Weinen. Vom Angst haben. Vom Vermissen. Von allem. An nichts war ich emotional oder geistig wirklich beteiligt.

Heute bin ich früh wach, jetzt arbeitet mein Geist auf Hochtouren, überlegt dies und das und jenes. Ein paar Termine stehen an und längere Fahrten, ich freue mich darauf, ein wenig Zeit allein im Auto zu haben, Hörbuch hören und fahren. Ich werde mir nachher den Ruheforst ansehen, anschließend zu unserem, meinem Haus fahren. Das erste Mal seit dem Suizid meines Gefährten alleine, ohne Begleitung.
Ich bin gespannt, ein nächster Schritt.

Freitag, 27. März 2020

Haiku 2

8. März: Der erste Geburtstag ohne ihn

Lieber Schatz,
gestern war mein Geburtstag, und es war so traurig, dich nicht bei mir zu haben. Ich habe noch gewitzelt, dieses Jahr wünsche ich mir eine bessere Performance. Weißt du noch? Letztes Jahr wurde unsere Küche geliefert und aufgebaut. Jetzt wünsche ich nur, du wärst einfach nur hier.
Wenn du mich jetzt von irgendwo sehen kannst, meinst du immer noch, mir geht es ohne dich besser? Mir tut alles weh, vom kleinen Zeh bis in den letzten Raum meiner Seele! Ich spüre so ein großes Mitgefühl. Das Bild von dir, als ich dich fand macht mich so unglaublich traurig, weil ich weiß, wie sehr du gelitten haben musst, und ich konnte dir nicht helfen. Wusstest du denn nicht, wie sehr ich dich liebe, daß ich immer unerschrocken hinter und neben dir stand? Seite an Seite, Hand in Hand, oder auch Rücken an Rücken. Wir hätten eine Lösung für alles gefunden. Es tut mir so weh, wenn ich mir vorstelle, wie du dich vielleicht gefühlt hast, über dich selbst gedacht hast, und ich konnte dir nicht das Gegenteil beweisen.
Schuldgefühle sind mein Motor, das wusstest du. Dann fange ich an mich zu verbiegen und alles dafür zu tun, daß es dem anderen gut geht. Das wolltest du nie. Du wolltest mich stark machen. Ich konnte und durfte ich sein an deiner Seite. Und doch sitze ich jetzt hier, dein letzter Schritt läßt mich zurück mit einem Haufen an Fragen und Gefühlen und Gedanken.
Gestern war mein Geburtstag.
Ich liebe Dich.

Mittwoch, 25. März 2020

6. März: Keine Tränen und die Metapher vom Schlamm

Gestern war ich zu Hause und habe weiter aufgeräumt und Sachen sortiert. Ich habe ja schon alles zusammengepackt, was meinem Verlobten gehörte. Je eher daran, dachte ich mir. Und für mich beudeutet es, daß ich meinen Schmerz verlänger, weil ich immer wieder davor stehe und nicht verstehe, daß er nicht gleich nach Hause kommt. So einfach war es dann doch nicht nicht. Ich habe gestern wieder Dinge herausgewühlt, daran gerochen, doch noch etwas für mich eingepackt, was ich noch tragen kann, was mich erinnert und ihn dann doch etwas bei mir läßt. Wir haben einiges zusammen erlebt, Hausbau, Festivals und und und, eigentlich hängt an jedem Stück Erinnerung. 
Es war richtig anstrengend, im Haus zu sein hat mir die Traurigkeit und Sinnlosigkeit seines Suizids noch mal verdeutlicht.
Im Auto habe ich erst einen Podcast gehört, dann die Lieder der Trauerfeier.
Keine Tränen.
Heute Morgen war ich traurig und sehr, sehr wütend, weil ich mich jetzt um das Haus alleine kümmern muss. Weil mir das auf einmal weh tut, diese Erkenntnis. Daß eigentlich nichts bin, da wir ja nur verlobt waren. Ich bin wieder in den Wald gelaufen. Das war wie mein Leben: Schlammloch..durch oder drumherum.. Wurzel im Weg... drüber springen.. achtung Ast vorm Gesicht. Doch lieber durch den Schlamm? Egal, wie ich laufe, es ist und bleibt anstrengend und voller Hindernisse. Ich springe darüber oder weiche aus, manchmal trifft es mich auch hart ins Gesicht. Aber auch heute:
keine Tränen.

Als würde ich langsam mit dem Schmerz verwachsen, er ein Teil von mir, der keinen Schrecken mehr macht, an den ich mich gewöhne.

Das hast du dir so gedacht...

Nein, der Morgen ist nicht so gut. Gestern war ein ruhiger Tag, die Trauer war da, aber still und meine Gefühle unter einer Glocke. Ein paar Tränen konnten zwischendurch fließen, ich habe sogar meditiert. Ich kam mir ja so... weiß ich gar nicht, vor. Wie eine dieser prominenten Frauen, die einen fürchterlichen Schicksalsschlag erleiden, und danach Yogalehrer werden, Bücher schreiben und alle sagen, wow, was für eine tolle Frau. So kam ich mir vor. Die Trauer kam mir so versöhnlich vor.
Heute bin ich mit Kopfschmerzen und Seelenschmerzen aufgewacht, zusätzlich zum PMS, wo ich eh immer ziemlich flatterig bin wie ein schreckhaftes Pferd.

Für heute merke ich mir, Selbstfürsorge groß zu schreiben. Vielleicht mach ich nachher tatsächlich noch etwas Yoga, gleich geh ich wieder laufen, wenn meine anderen Sneaker dafür passen. Meine Laufschuhe sind gestern kaputt gegangen. Oder ich kaufe nachher neue.
Und eine Sache habe ich auch gemerkt. Ich hatte Angst vor dem Sonntag, wo man ja nichts machen kann. Aber der Montag ist blöder, weil ich ja etwas machen, erledigen usw könnte. Aber eigentlich nur liegen bleiben möchte. Das geht am Sonntag besser, machen viele sonntags. Bis auf die, die morgens durch den Wald laufen und Bäume anschreien

Montag, 23. März 2020

Trauer kann man nicht abarbeiten

Ein Tag zum Abgewöhnen. Immer dunkler wurde es in mir. Meine Freundin hat mich besucht und ich ist nach dem Frühstück gefahren. Wir hatten einen wirklich schönen Abend, nun ereilt mich ohne Vorwarnung die Endgültigkeit seiner Entscheidung. Irreversibel. Ich fühlte mich verloren. Ich ziehe Laufschuhe an und laufe los, Füße in den Boden treten und laufen, rennen um mein Leben. Nach einem ausgedehntem Spaziergang war ich zumindest die Anspannung los und körperlich erschöpft, ich legte mich einfach ins Bett und weinte allen Schmerz, alle Angst aus mir raus Abends bin ich noch mal spazieren gegangen. Mir ist klar geworden, was es bedeutet, das erste Jahr überleben. Der erste Frühling ohne ihn, Sommer, grillen ohne ihn, Herbst, Winter und Weihnachten. Als gäbe es von jetzt an eine neue, oder eine weitere Zeitrechnung: das Jahr zwischen den Todestagen. Ich dachte zum ersten Mal, ich schaffe das nicht. Ich wollte nur, daß der Schmerz geht, der Schmerz, der meinen Solarplexus verkrampft und einen engen Ring um meine Brust legt. Ich wollte nicht "damit arbeiten", ich wollte nur überleben. Die Zeit zurück drehen, aus dem Alptraum aufwachen und weinen und glücklich sein daß mein Gefährte noch da ist und ich einfach nur in seine Arme kann, ihn halten und küssen.
An manchen Tagen geht eben gar nichts. Und auch das ist okay. Trauer und Trauma sind keine Dinge, die man nach Schema F abarbeiten kann.

Haiku 1

Tag 11: Schreien hilft

Meine Nacht war um halb sieben zuende, ich bin allerdings schon um halb neun auf dem Sofa eingeschlafen bin.
Wieder ein verhangener, grauer Tag. Erst habe ich mich mit Kaffee wieder ins Bett verjrümelt, auf dem Tablet Serien geguckt und nebenbei am Handy irgendwas nachgeguckt.
Er hat sich immer darüber beschwert, weil ich dann immer nachfragen musste, wenn ich was verpasst hatte. Alles, was ich mache, erinnert mich an uns. Ich habe mir kurzerhand Laufsachen angezogen und bin losgelaufen. Da wollte er früher auch immer mitkommen, wenn ich mal Laufen ging. Wieder Er. Im Wald musste ich dann einfach weinen und anhalten, ich habe einen Baum angschrien und geschlagen, armer Baum, ich glaube, ich entschuldige mich nachher noch mal. Das Laufen holt mich wieder runter, wenn ich außer mir bin. Ich habe das erste Mal wieder Musik gehört, eine Playlist. Das erste Lied: Hero von Bonnie Tyler, dazu bin ich losgerannt. Für unsere Musik bin ich noch nicht bereit. 

Tag 10

Heute ist ein mieser, fieser Tag, erst ging es noch, aber die Trauer holte mich sehr schnell ein. Während ich einkaufen war spürte ich schon den Kloß im Hals, die aufkommenden Tränen. Jetzt liege ich in meinem alten Kinderzimmer auf dem Bett und weine alles heraus. All die Gefühle prasseln gleichzeitig auf mich ein, die Fragen, das Warum, die irrwitzige Schuldfrage, die Liebe, das Vermissen, die Wut, die Verzweiflung, die Angst vor der Zukunft mit dem Haus, in dem noch einiges zu tun ist. Vor dem Leben dort, wenn ich wieder nach Hause ziehe und dort alleine wohne. Ich will stark sein, aber heute geht es nicht, zumindest jetzt gerade.
Und was das allergemeinste ist: der Mensch, der mich sonst immer im Arm gehalten hat und getröstet hat, ist gegangen. Nicht mehr da.

Plötzlich ist alles anders

Anfang des Jahres 2020 nahm sich mein Verlobter, meine Liebe das Leben. Meine Welt stürzte von einer Sekunde auf die nächste in sich zusammen,lag und liegt in Trümmern und Tränen. Ich fühl(t)e mich alleine gelassen, verraten, mit so vielen Fragen, auf die ich nie eine Antwort bekommen werde. Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben. Jeder Tag tut weh. Jeder Tag ist ein einziges erstes Mal ohne ihn. Die Trauer kommt und geht, mal laut, mal leise. Mal vernichtend, mal versöhnlich.