Mittwoch, 3. Juni 2020

Synonym für glücklich

Ich habe einen Schreibkurs belegt, weil ich das schon immer wollte. Weil ich meiner Trauer Ausdruck verleihen möchte. Weil mein Innerstes eine Form bekommt. Weil ich etwas für mich tun möchte, etwas erschaffen. 
Heute habe ich die zweite Lektion erarbeitet. Ich sollte Synonyme für glücklich finden mit einem Buchstaben meiner Wahl.
Mir fiel nur etwas zu unglücklich ein. So sehr lag der Fokus in den letzten Wochen, Monaten schon auf meinem Schmerz. Ich musste lange nachdenken und hatte zum Schluß fünf beieinander.

Katzenschnurrend.
Kullerkeksfroh.
Kummerweglachend
Kribbelfroh.
Kindselig. 

Immerhin.
Ich fange langsam an, stückweise wieder zu genießen. Eine Mahlzeit. Kaffee im Bett. Lesen in der Sonne. Wenn ein solcher Moment da ist, lass ich mich ganz hineinfallen, sauge alles in mich auf und fülle meine Speicher.
Ich weiß, wenn es wieder so doll weh tut, daß ich nicht mehr atmen kann, dann sortiert es sich gerade neu, anders, rückt Gefühle und Gedanken neu zurecht. Das macht mich immer richtig müde und strengt an, wieder eine Welle zu reiten.
Umso mehr genieße ich die Ruhe in den stillen, leisen Momenten in denen eine Ahnung von Glück schwingt

Montag, 18. Mai 2020

Stillklang

Ich liege mit meinem Latte Macchiato im Bett und betrachte die Bäume am Feldrand. Das ist an freien Tagen mein Ritual am Morgen. Statt Kaffee mit etwas Milch gibt es Espresso mit herrlich dick aufgeschäumter Milch, die ich mit Tonkazucker bestreue. Während ich den Schaum löffel gucke ich nach draußen. Vielleicht fliegt unser Seeadler vorbei.
Ich möchte lesen und mache mir Musik an. Höre. Wechsel nach drei Takten das Album. Höre. Wechsel. Nichts gefällt mir, klingen die Lieder doch alle in Disharmonie zu meinem Seelenklang. Dissonanz konnte ich noch nie gut ertragen. Ich weiß gar nicht, welche Melodie in meiner Seele schwingt. Welche Klänge da sind.
So liege ich da, lasse mich von der Stille umfangen und lausche nach innen. Ein leises Kling Klang heute?
Ach, Schwester Trauer, ich glaube heute können wir nicht tanzen. Es fehlt Musik.

Sonntag, 3. Mai 2020

Pflaumenkuchenschmerz

Ich befinde mich derzeit, eigentlich seit meiner letzten Therapiestunde in einer erneuten Welle, mal surfend, mal überwältigt und wie ein japsender Fisch an Land geworfen. Ich steh auf, schüttel mir den Sand ab und betrachte die Schürfwunden, da zieht mir schon die nächste Welle die Füße weg. Manchmal schaffe ich es noch, mir mein kleines Surfbrett zu schnappen.
Es tut weh. Die Endgültigkeit dringt immer weiter an die Oberfläche und bringt Schmerzen mit sich. Er hat sich verändert, oder habe ich mich verändert? Er trägt den Geschmack von Abschied, von endgültigem Abschied und ist weniger verzweifelt und erschreckend als einfach nur tieftraurig. Und auch schön auf eine Art. Er schmeckt wie Pflaumenkuchen im Spätsommer, wenn man noch die allerletzten warmen Tage genießt, die Abende aber schon kühl sind und nach einer Decke verlangen. Wehmütig erkennt man, spürt man, daß man Abschied nehmen muss vom Sommer.
So fühlt es sich an, nur weiß ich, der Sommer, mein Mann, unser gemeinsames Leben, kommt nie wieder. Ein anderer Sommer wird kommen, der liegt noch im Nebel verborgen.
Heute umarme ich mich und meinen Schmerz, weine alles heraus, was kaputt ist. Und lasse mich von der Trauer tragen.

Mittwoch, 15. April 2020

Ein Sturm in mir


Heute tanze ich in einem Orkan, wild umherwirbelnd. Meine Gefühle ändern sich minütlich, und ich fürchte da nicht ohne Schleudertrauma herauszukommen. Gestern habe ich mich so gefreut, ich dachte ich koann schon mal normale statt wasserfeste Wimperntusche auftragen. Heute trage ich gar keine. Ich bin gestern den Bogen von dem Psychologen durchgegangen. Trigger! Heute ist Mittwoch, heute vor neun Wochen. Trigger! Ich habe mich nach einer furchtbaren Nacht aufgeklaubt und bin zur Arbeit gefahren. Ich sehe Bilder, spüre den Schmerz, die Hilflosigkeit. Den Schrecken. Durchhalten. Es muss doch möglich sein, irgendwann, dieses Leben, annähernd normal. Heute denke ich, ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll. Ohne ihn. Das Vermissen zerreißt mich. Alles in mir wechselt sich ab. Hin und her.

Ich steh das durch. Die Welle surfen.
#starkesmädchen

Mittwoch, 8. April 2020

Was bleibt

Was bleibt übrig von dem Wir-Knäuel, wenn ein Teil so jäh und unverhofft herausgerissen wird? Sich selbst herausschneidet?
Ich war immer so stolz darauf, daß ich trotz einer innigen und liebevollen Beziehung nicht zu einem Wir-Klumpen verbackt bin. Wir liebten uns unbändig, aber nicht in Abhängigkeit. Wie hab ich mir das erkämpft!
Und nun muss ich feststellen, wie wir trotzdem zusammen gewachsen sind in allem, wie sehr wir ein wunderschönes Wir waren. Die abgerupften, abgeschnittenen Bänder bluten und schmerzen in jeder Zelle. Sie suchen nach etwas, einem Halt, einem anderen Faden, blau vielleicht oder rot. Nein, blau war seine Farbe. Da ist nichts mehr. Sie irren verständnislos ohne Orientierung im Raum umher. Ich möchte sie neu ordnen, sortieren, entwirren. Streicheln und kämmen bis sie zu bluten aufhören. Und weiß nicht wie. Ich versuche mich, mal funktioniert etwas, mal nicht. Manchmal geht eine Wunde wieder auf. Ach mein blaues Wollknäuel, Du fehlst.

Samstag, 4. April 2020

Schweig still du mein liebes Herz

Schweig still, mein HerzAch mein liebes Herz, könntest du bitte aufhören zu fragen? Sonst müsste ich mit dir in eine dunkle Gasse gehen und dich verkloppen, bis du etwas anderes fragst. Huch, sagst du? Jetzt bist du erschrocken? Ich weiß, mein Herz, ich auch. Die Antwort ist, daß ich dir keine Antwort geben kann auf deine Frage nach dem Warum. Warum ist er weg, warum hat er uns alleine gelassen, warum, warum, warum, warum. Ich weiß es nicht.Warum wir uns dann so schuldig fühlen, fragst Du? Vielleicht fragen wir mal den Verstand? Oder vielleicht guckst du mal tief in dich, in eine deiner schönen Kammern?Ich glaube, es ist womöglich einfacher zu glauben, daß irgendjemand Schuld haben muß, es muß einfach so sein! Es ist einfacher und viel weniger schmerzhaft zu ertragen, als die Erkenntnis, er ist freiwillig von uns gegangen. Die Aussicht auf den Tod erschien ihm verlockender, als wir, unsere Liebe und das gemeinsame Leben. Vielleicht halte ich deswegen an Schuld fest, weil alles andere für dich und mich keinen Sinn macht, mein Herz, und so unvorstellbar scheint.Weinst du, Herz? Komm her, ich halte dich.Ich weine mit dir.