Montag, 18. Mai 2020

Stillklang

Ich liege mit meinem Latte Macchiato im Bett und betrachte die Bäume am Feldrand. Das ist an freien Tagen mein Ritual am Morgen. Statt Kaffee mit etwas Milch gibt es Espresso mit herrlich dick aufgeschäumter Milch, die ich mit Tonkazucker bestreue. Während ich den Schaum löffel gucke ich nach draußen. Vielleicht fliegt unser Seeadler vorbei.
Ich möchte lesen und mache mir Musik an. Höre. Wechsel nach drei Takten das Album. Höre. Wechsel. Nichts gefällt mir, klingen die Lieder doch alle in Disharmonie zu meinem Seelenklang. Dissonanz konnte ich noch nie gut ertragen. Ich weiß gar nicht, welche Melodie in meiner Seele schwingt. Welche Klänge da sind.
So liege ich da, lasse mich von der Stille umfangen und lausche nach innen. Ein leises Kling Klang heute?
Ach, Schwester Trauer, ich glaube heute können wir nicht tanzen. Es fehlt Musik.

Sonntag, 3. Mai 2020

Pflaumenkuchenschmerz

Ich befinde mich derzeit, eigentlich seit meiner letzten Therapiestunde in einer erneuten Welle, mal surfend, mal überwältigt und wie ein japsender Fisch an Land geworfen. Ich steh auf, schüttel mir den Sand ab und betrachte die Schürfwunden, da zieht mir schon die nächste Welle die Füße weg. Manchmal schaffe ich es noch, mir mein kleines Surfbrett zu schnappen.
Es tut weh. Die Endgültigkeit dringt immer weiter an die Oberfläche und bringt Schmerzen mit sich. Er hat sich verändert, oder habe ich mich verändert? Er trägt den Geschmack von Abschied, von endgültigem Abschied und ist weniger verzweifelt und erschreckend als einfach nur tieftraurig. Und auch schön auf eine Art. Er schmeckt wie Pflaumenkuchen im Spätsommer, wenn man noch die allerletzten warmen Tage genießt, die Abende aber schon kühl sind und nach einer Decke verlangen. Wehmütig erkennt man, spürt man, daß man Abschied nehmen muss vom Sommer.
So fühlt es sich an, nur weiß ich, der Sommer, mein Mann, unser gemeinsames Leben, kommt nie wieder. Ein anderer Sommer wird kommen, der liegt noch im Nebel verborgen.
Heute umarme ich mich und meinen Schmerz, weine alles heraus, was kaputt ist. Und lasse mich von der Trauer tragen.